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18.11.2019

Worüber MANN selten spricht ...

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Männergesundheit im Fokus – neue Wege in einer relativ jungen Disziplin

Warum gibt es eigentlich nicht den Begriff »Männerarzt«? Die Antwort auf diese Frage ist gar nicht so ein-fach. Während es für Mädchen und junge Frauen schon früh zur medizinischen Routine gehört, regelmäßig zum Frauenarzt zu gehen, scheint aufseiten der Männer das entsprechende Pendant zu fehlen. Dabei gibt es mit der relativ jungen Disziplin Andrologie, der Männerheilkunde, durchaus das medizinische Spezialgebiet als Entsprechung zur Gynäkologie, der Frauenheilkunde. In der medizinischen Praxis sind es vor allem die Urologen, die sich speziell um Themen der Männergesundheit kümmern.

»Die Zahlen belegen es. Frauen und Männer haben ein sehr unterschiedliches Verhalten in Bezug auf ihre Gesundheit, vor allem beim Thema Vorsorge«, erklärt Prof. Dr. Thorsten Schlomm, Direktor der Klinik für Urologie an der Charité. »Während rund 90 Prozent aller Frauen zur regelmäßigen Krebsvorsorge gehen, liegen die Zahlen bei Männern nur bei etwa elf Prozent. Dabei ist es gerade auch für Männer wichtig, die Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen. Denn die Heilungschancen liegen heutzutage bei frühzeitig entdeckten Tumoren sehr gut, etwa bei Hoden-, Nieren-, Blasen- und Prostatakrebs.«

Stichwort Hodenkrebs: Diese Erkrankung tritt gehäuft in bestimmten Al-tersgruppen auf, bei Jugendlichen und jungen Männern und später wiederum bei Männern über 60 Jahren. »Viele Tumore bei jungen Männern wurden in früheren Jahrzehnten bei der ärztlichen Untersuchung zur Musterung entdeckt und konnten anschließend behandelt werden. Mit Abschaffung der Wehrpflicht durchlaufen natürlich sehr viel weniger junge Männer diese Untersuchung. In der Folge sehen wir heute in unseren Sprechstunden eine höhere Zahl an fortgeschrittenen Hodentumoren«, berichtet Prof. Dr. Schlomm.

Vorsorgeuntersuchungen der Prostata sollten bei Männern ab Mitte 40 regelmäßig stattfinden. Doch auch hier sind viele Männer sehr nachlässig. »Das Verhalten ist eigentlich irrational. Viele Männer kümmern sich um ihr Auto mit großer Sorgfalt. Sobald etwas im Motor klappert und die Kontrollleuchte eine nötige Inspektion anzeigt, fährt man von der Autobahn. Denn jeder weiß, wenn ich das Auto regelmäßig warten lasse und bei Problemen frühzeitig reagiere, lässt sich ein kapitaler Motorschaden vermeiden. Bei der eigenen Gesundheit sind Männer aber geradezu leichtsinnig«, so der Befund von Prof. Dr. Schlomm.

Die Ursachen für dieses Verhalten sind vielfältig: etwa das Eingestehen möglicher Schwächen, eventuelle Schamgefühle oder auch sozial erlernte Handlungsweisen, über bestimmte Dinge einfach nicht zu sprechen. In Kombination sorgen diese psychologischen und sozialen Faktoren für die geringen Vorsorgeraten bei Männern.

»Erlerntes Verhalten lässt sich nur langfristig ändern. Deshalb setzen wir in unserer Arbeit auch stark auf Kommunikation. Wir Urologen wollen Werbung machen für die zahlreichen Vorsorgemöglichkeiten und Aufmerksamkeit erzeugen für die Themen der Männergesundheit«, fasst Prof. Dr. Schlomm zusammen.

AUFKLÄRUNG IN DEN MEDIEN

Prof. Dr. Schlomm und sein Team nutzen für ihre Aufklärungsarbeit auch die Zusammenarbeit mit den Medien, etwa durch Beiträge im Gesundheitsmagazin des RBB oder durch verschiedene Patientengeschichten in der Tagespresse. Dabei berichten beispielsweise Patienten von ihrer Krebsbehandlung, wenn der Tumor frühzeitig entdeckt wurde und sie durch entsprechende Therapien geheilt werden konnten.

»Neben den konkreten Erfahrungen der Patienten wollen wir mit unserer Aufklärungsarbeit aber auch noch etwas anderes vermitteln: Die Untersuchungsmethoden haben sich in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt«, so Prof. Dr. Schlomm. »Wo früher noch von Hand oder Sonde untersucht werden musste, gibt es heute sehr verlässliche Blut- oder Urintestverfahren. Auch bei der Prostatakrebserkennung ermitteln wir den PSA-Wert durch einen Bluttest. Bei Problemen der Nieren oder der Blase nutzen wir Ultraschalluntersuchungen. So erkennen wir sehr schnell, wo beispielsweise die Ursachen von Problemen beim Wasserlassen liegen. Vieles davon lässt sich mit einfachen Medika-menten behandeln.«

POTENZPROBLEME ALS FRÜHWARNSYSTEM

Beschwerden beim Wasserlassen, plötzlich auftretende Impotenz oder auch eine beginnende Inkontinenz können aber erste Hinweise auf andere, schwerwiegende Erkrankungen sein, etwa Diabetes, neurologische Erkrankungen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. »An dieser Stelle zitiere ich gerne meinen Hamburger Kollegen Prof. Dr. Frank Sommer, der die erste Professur für Männergesundheit in Deutschland innehat. Er sagt immer, ›der Penis sei die Antenne des Herzens‹ «, so Prof. Dr. Schlomm. »Viele Männer haben bereits zwei oder drei Jahre vor einem Herzinfarkt an einer Abnahme der Potenz gelitten. Denn die Gefäße im Penis gehören zu den feinsten im Körper des Mannes. Sie sind wie ein Schwammwerk, und wenn die Gefäße im Körper verkalken, macht es sich dort zuerst bemerkbar.«

Ein komplexes Thema wie Männergesundheit zeigt, wie heute eine optimale medizinische Versorgung gewährleistet werden kann: zum einen durch eine gut vernetzte interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den Experten anderer Fachrichtungen wie Kardiologen, Onkologen oder Endokrinologen, zum anderen durch eine hochgradige Spezialisierung innerhalb der Klinik für Urologie. Heute zählen nicht mehr die Generalisten, die vom Blasentumor über das Prostatakarzinom bis zur Nierentransplantation alles operieren. Gefragt sind heute absolute Experten, die sich auf Teilgebiete fokussieren und dort über eine jahrelange Expertise verfügen. Wenn eine Klinik nach diesem Prinzip aufgebaut und in Spezialzentren unterteilt ist, bezeichnet man dies als Department-Struktur. Prof. Dr. Thorsten Schlomm ist seit Februar 2018 an der Charité tätig. Seine Berufung nach Berlin war damit verbunden, die neue Struktur in der Klinik für Urologie aufzubauen. »Ich habe das Angebot als Klinikdirektor sehr gern angenommen. Trotz der damit verbundenen Querschnittsaufgaben operiere ich weiterhin nur Prostatakarzinome; pro Jahr sind das mehrere Hundert. Für Blasenkrebs, Hoden- oder Nierentumore und die weiteren Spezialgebiete haben wir jeweils andere Experten in unserem internationalen Team. Es ist uns geglückt, hochgradig spezialisierte Kolleginnen und Kollegen aus Frankreich, Großbritannien und den USA an die Charité zu holen und langfristig zu binden.«

DAS NETZWERK DER HAUPTSTADT-UROLOGIE

Doch die Urologen an der Charité gehen nicht nur bei ihren eigenen Strukturen neue Wege. Prof. Dr. Schlomm und sein Team sowie weitere Kooperationspartner haben das Netzwerk der Hauptstadt-Urologie gegründet. Die Spezialisierung an der Charité im Bereich der genbasierten Therapien bei urologischen Krebserkrankungen soll dem gesamten Raum Berlin-Brandenburg zugutekommen. »Wir sind das einzige Universitätsklinikum für die sieben Millionen Menschen in der Region. Jeder sollte von unseren Erfahrungen und Fähigkeiten profitieren, egal ob man in Berlin, Luckenwalde oder Oranienburg wohnt. Deshalb haben wir uns mit den über 200 niedergelassenen Urologen in der Region vernetzt. Jeder Patient, der daran teilnehmen möchte, kann einen kleinen Fragebogen in unserem Flyer ausfüllen. Die Angaben kommen dann codiert und anonymisiert in unsere Datenbank«, erläutert Prof. Dr. Thorsten Schlomm. »So entsteht eine Art Schwarmintelligenz. Die Daten werden ausgewertet und helfen den abhandelnden Ärzten, die beste Therapie für ihre individuellen Patienten zu finden. In Zukunft geht es nicht mehr nur nach Tumortypen, wie Prostata, Blase oder Niere. Stattdessen können wir die Patienten in genetische Untergruppen einteilen und die Medikamente zielgerichteter anpassen.«

MIT SMARTER TECHNIK IN DIREKTEM AUSTAUSCH

»Wir möchten wissen, wie es unseren Patienten nach einer Operation in unserer Klinik geht. Nur so können wir die Qualität auf dem höchsten Stand halten und verbessern«, führt Prof. Dr. Schlomm fort. Hierzu werden die Patienten aufgefordert, nach der Krankenhausentlassung regelmäßig ihre Lebensqualitätsdaten, wie zum Beispiel Nebenwirkungen in einem Onlinefragebogen, einzugeben. »Hierdurch können wir auch potenzielle Komplikationen früh identifizieren und somit frühzeitig beheben.« Darüber hinaus können Patienten beispielsweise auch die Daten ihres Fitnesstrackers übermitteln. »Vor einigen Monaten hatten wir folgenden Fall: Bereits kurz nach der großen OP meldete der Fitnesstracker eines Patienten wieder regelmä-ßig rund 12.000 Schritte pro Tag. Doch dann fiel der Weg plötzlich auf 150, 70 und noch weniger Schritte pro Tag. Ein Anruf von uns hat ergeben, der Patient und seine ganze Familie seien an Grippe erkrankt; deshalb die geringe Schrittzahl. Wir haben den Patienten dennoch zu uns in die Sprechstunde gebeten, Blut abgenommen und eine Blutvergiftung wegen einer Entzündung im Bauchraum festgestellt. Wäre der Patient zwei Tage später gekommen, wäre er sicherlich auf der Intensivstation gelandet. Der direkte Draht zu uns und die unkomplizierte Kommunikation haben hier also enorm geholfen.« Zurück zum Thema Aufklärung: Auch dabei geht es um eine unkomplizierte Kommunikation. Einerseits soll an die Vernunft appelliert werden, andererseits gilt es Hemmschwellen zu senken durch einen unverkrampften Umgang mit den Themen der Männergesundheit. »Da habe ich noch einen Tipp für Sie. Der Comedian Atze Schröder unterstützt eine Aufklärungskampagne zum Thema Vorsorge. Da gibt es auch jede Menge Videos. Googeln Sie das mal ...«

AUF EINEN BLICK

Die Klinik für Urologie der Charité bietet moderne urologische Therapien für Männer, Frauen und Kinder. Das Leistungsspektrum umfasst das gesamte Gebiet der operativen und nicht-operativen Urologie auf dem neuesten Stand der Wissenschaft durch hoch-spezialisierte Experten zu folgenden Themenfeldern: Prostatakrebs, Blasenkrebs/Urothelkarzinom, Nierenkrebs, Hodenkrebs, Peniskrebs, Tumortherapie, Nierentransplantation, Nierensteine, Gutartige Prostatavergrößerung, Erektile Dysfunktion (Impotenz), Männliche Inkontinenz, Weibliche Inkontinenz, Weiblicher Beckenbodenschaden, Urogenitale Endometriose, Uro-Gynäkologie (Fisteln, Sexualtherapie, Komplikationsmanagement bei chron.Beckenbodenschmerz).

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www.charite.de/fileadmin/user_upload/portal_relaunch/Mediathek/publikationen/patientenzeitungen/Charite_Kompakt_14.pdf

Kontakt

Prof. Dr. med. Thorsten Schlomm

Direktor der Klinik für Urologie CharitéUniversitätsmedizin Berlin

Postadresse:Charitéplatz 110117 Berlin

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